"Des Gotteshauses herrlich und schön,
Der Bonifazius ist sein Patron,
Und sonst wer nicht den heiligen kennt,
Sie drunten nur die Marktkirche nennt"
- Adolarius Erich,1594
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Marktkirche St. Bonifacii
Allgemeines

Die breit gelagerte dreischiffige Hallenkirche ist aus Travertin gebaut und stellt mit ihren einzelnen Teilen keine homogene Einheit dar, sondern ist geprägt von der langen Bauzeit und den damit einhergehenden Planänderungen.
Der Dachstuhl des polygonalen Chores datiert z.B. aus dem Jahr 1463, der des Langhauses 1513/1522.
Sichtbar ist die lange Bauzeit auch an den verschiedenen Deckeneinwölbungen von Haupt- und Seitenschiff sowie der hölzernen Kassettendecke des Chores.
Frühe Geschichte
Die Marktkirche wurde erstmalig im Jahre 1229 als Kapelle und wenig später im Jahr 1273 als Pfarrkirche erwähnt („ecclesia forensis“).
Es erfolgte ab dem 14. Jhrd. eine umfangreiche Erweiterung des Baus, deren Konzeption in der Nachfolge der gotischen Marburger Elisabethkirche steht.
Sie gehörte von 1356 bis zur Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen zum gegenüber liegenden Weißfrauenkloster („Poenitentes sorores Beatae Mariae Magdalenae“).
Turm

Stadtbildprägend erhebt sich der etwa 73 Meter hohe Turm, dessen Grundstein 1470 gelegt wurde.
Der Aufsatz mit einer welschen Haube und einem Umgang stammt aus dem Ende des 16. Jhdrs.
Geplant wurde der Turmspitzenbau von dem Arnstädter Bürger- und Baumeister Christoph Junghans/Jungkunz.
Beim Bau der Turmspitze wurden Steine der abgegangenen Kirche St. Jacobi (Ersterwähnung 1380) verwendet (ehemals befindlich nahe des 1540 aufgelösten Langensalzaer Barfüsserklosters).
Noch heute ist ein hölzernes Rad (sogenanntes „Keffernrad“) innerhalb des Turmes erhalten, welches zum Bau desselbigen verwendet wurde.
Marienstatue

In der nordwestlichen Turmecke bemerkt man ein Marienbild, darunter eine rechteckige Steintafel mit drei aus Minuskelschrift bestehenden lateinischen Zeilen. Diese sind, übersetzt in die deutsche Sprache: „Im Jahre 1470 wurde dieser Turm errichtet, aber im Jahre 1346 wurde ganz Salza durch´s Schwert niedergeworfen und 18 Schock Menschen blieben tot.“
Westportal

Den Hauptzugang bildet das wahrscheinlich im 15. Jhrd. entstandene spitzbogige Westportal aus Seeberger Sandstein mit der Darstellung des „Jüngsten Gerichts“ im Tympanon.
Es ist gegliedert in drei Etagen: in der unteren Etage erstehen die Toten aus den geöffneten Gräbern. Links im Bilde vom Bechauer aus befindet sich eine Spitzbogentür, die Pforte zum Himmel darstellend, die Petrus für die auferstandenen Seligen zu öffnen im Begriffe ist, während in der Mitte des Bildes der Erzengel Michael mit erhobenen Schwerte die Ungerechten vor sich her in den offenen, gezähnten Höllenschlund treibt, mit dem die untere Etage auf der rechten Seite abgeschloßen wird. In der mittleren Etage sitzen die Zwölf Jünger in langer Reihe nebeneinander, meistens je zwei wie im Gespräche einander zugekehrt. In der obersten Etage endlich thront Jesus als Weltenrichter, vor ihm knieen wie betend links eine weibliche, rechts eine männliche Person, wie angenommen wird, Maria und Josef. Hinter diesen schließen zwei auf Tubas blasende, fliegende Engel das Bild ab.
Die Figurengestaltung im Relief lässt Einflüsse der böhmischen Parler-Plastik erkennen. Das Portal der St. Lorenzkirche in Nürnberg ist ebenfalls Vorbild des Tympanon.
Nordportal

Der gegen Ende des 14. Jhrds. entstandene und damit ältere Eingang der Kirche, befindet sich auf der Nordseite.
Am mittleren Pfeiler des Portals lässt sich eine Figur des Bonifatius entdecken. Auf den seitlichen Konsolen sind Petrus und Paulus zu sehen.
Die Kreuzigung Christi ist Thema des Reliefs am Nordportal. Das Kreuz trägt aber statt des Titulus das Nest eines Pelikans, der seine Jungen mit dem eigenen Blute nährt, eine im 15. Jhrd. sehr beliebte symbolische Darstellung für den freiwilligen Opfertod Christi. Rechts im Bilde (vom Beschauer aus) sieht man die Verteilung der Kleider Jesu,während die Gruppe links die Opferung Isaaks zeigt.
Es ist ein Zeugnis der Judenverachtung damaliger Zeit, denn die Verlorenen wurden als Juden dargestellt.
Kanzel

Die im sächsischen Barock von dem in Thüringen ansässigen italienischen Bildhauer Paolo Antonio Grassi ( 28.6.1687 Arezzo – 22.5.1752 Gotha), welcher von 1717-1746 in Langensalza lebte, sowie den einheimischen Schreiner Christoph Zacharias Bechstedt errichtete, reich mit Putten und Bildnissen geschmückte Kanzel, im Mittelschiff der Kirche wurde im Jahr 1734 von dem Langensalzaer Bäcker Caspar Pfaff gestiftet.
Besagter P. A. Grassi schuf auch das Epitaph der Brüder Pfaff, welches sich in der Vorhalle befindet, sowie den heute nur fragmentarisch erhaltenen Barockaltar der Kirche.
Ein Bildnis Pfaffs mit einer, in einer Kartusche befindlichen Inschrift „ Zur Ehre Gottes hat diese Cantzel erbauet Herr Caspar Pfaff, angesehener Bürger zu Langensalza 1734“ befindet sich im Kanzelkorb an der die Kanzel tragenden Säule.
Die Kanzel wird von einer Dreifaltigkeitsglorie auf dem Schalldeckel bekrönt.
Nonnenchor

Der Nonnenchor, direkt mit dem gegenüberliegenden Kloster mittels eines Übergangs verbunden, war Ort des Stundengebetes der Konventualinnen des Weißfrauenklosters.
Ein im 16. Jhrd. hergestellter Anna-Selbdritt-Altar und fragmentarisch erhaltene Fresken zieren diesen Raum, zusammen mit einer bemalten Kassettendecke, die 1519 fertiggestellt wurde.
Die Malereien, erst um 1920 wiederentdeckt und freigelegt, befinden sich secco und fresco direkt auf der Wand bzw. an der Holzverkleidung der Treppe. Sie zeigen u. a. an der Nordwand die Heilige Sippe, die Kreuzigung und die Auferstehung sowie an der Ostwand, über dem jetzt vermauerten Zugang zum Kloster, die Himmelfahrt Mariens.


Kassettendecken

Die Kirche besitzt zwei Kasettendecken, eine im Chor und eine im Nonnenchor (siehe Bild) befindlich.
Die 1519 errichtete im Nonnenchor, aus 70 Feldern bestehende, welche u. a. das Wappen der Stadt Langensalza, das Wappen der Familie von Salza, ein Agnus Dei, den Hl. Bonifatius und die Buchstaben „h.k.“ für Heinrich Keting, Pfarrer der Kirche und erster Probst des Weißfrauenklosters zeigt und eine 1561 fertiggestellte Chorkassettendecke.
Im Jahr 1999 wurden einzelne 1861/1862 an der Chordecke übermalte Flächen von Kassettenfeldern wieder freigelegt.
Deckenmalerei

Die freigelegte Deckenbemalung zeigt im vierten Joch des südlichen Seitenschiffs eine „niederadlige Ahnenprobe“, höchstwahrscheinlich die des Wolf von Seebach.
Weitere freigelegte Malereien sind eine Strahlenkranzmadonna an der Südwand im Vierten Joch sowie die Geburt Jesu an erhöhter Stelle auf der Ostwand des südlichen Seitenschiffs.

Grabdenkmäler
Im Chorraum befinden sich zahlreiche gotische und frühneuzeitliche Grabplatten geistlicher und weltlicher Würdenträger wie z.B auch einer derer Familie von Salza, Friedrich von Salza, Schöffe des Thüringer Landesgerichts, 1327 dort begraben. Aus dem Geschlecht stammt höchstwahrscheinlich auch der Gründer und erste Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza (ca.1282 – 14.2.1327) oder Ambrosius Claviger (04.04.1520 Halle -16.4.1567 in Salza), Hofprediger Kurfürsts August von Sachsens welcher 1567 hier begraben wurde.
Beerdigt wurden die Toten im Ossarium der Kirche. Das Ossarium ( „Beinhaus“ ) der Kirche befand sich an der Nordseite neben dem Chor und unter der Sakristei. Die dort gelagerten Gebeine wurden um 1824/25 in den damals offenen Stadtgraben („Spendegraben“) zwischen Lindenbühl und Erfurter Tor (abgebrochen 1852) geschüttet. Es diente dann als Kohlen bzw. Heizungskeller.
Die meisten Epitaphe der Kirche sind in der durch Einzug einer Wand im 19. Jhrd. errichteten Vorhalle. Unter den weltlichen Würdenträgern welchen hier gedacht wird, befinden sich z.B die Brüder Pfaff (1737), Stifter der barocken Kanzel sowie Gabriel Richter, Bürgermeister der Stadt Langensalza (1698).
Chor
Der 1463/64 neu erbaute Chor ist im Verhältnis zur Mittelachse des Kirchenschiffes nach Süden hin verschoben. Die Bündelpfeilersäulen sind noch hochgotisch. Chor und Mittelschiff wurden bis ins 17. Jhd. durch ein Chorgitter getrennt.
Geprägt ist der heutige Chorraum von einer neogotischen Lambrie, die rechts und links vom Altar Gedenktafeln für gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs beinhaltet, flankiert vom Hl. Georg und St. Michael, den Schutzpatronen Deutschlands und des Deutschen Ordens.
An der Südseite des Altarraumes befindet sich ein Bildnis des Tobias Kühnhardt (1631–1716), Diakon von 1670 bis 1676 und Archdiakon von 1676 bis 1716.
Taufstein
Der moderne Taufstein in Form eines Kelches wurde von Joachim Melzig geschaffen und lehnt sich an gotische Gestaltungsformen an.
Kreuzigungsgruppe

In der Kirche, im südöstlichen Seitenschiff befindet sich ein, 1439 erschaffener Giebel mit einer Darstellung des gekreuzigten Christi, umringt von Maria, Johannes und Maria Magdalena.
Die lateinische Umschrift lautet: „Anno dm. m0. CCCC0. XXXIX. IIX. li. m. februar.“ d.h auf deutsch: „Gebaut Im Jahre des Herrn 1439, den 8. Tag des Monats Februar.“
Dieser war ursprünglich über dem Portal des benachbarten Weißfrauenklosters angebracht war.
Er ist zusammen mit einer Fiale beim Abriss desselbigen gerettet wurden.
Fenster

Die 5 gotischen Maßwerkfenster des Chores, mit einem Dreipass-Maßwerk (typisch für das 14. Jhrd.) lassen Fragen nach der Entstehungszeit offen. Die Größe der Fenster ist spätgotisch.
Gestiftet wurde die komplette Verglasung der Chorfenster von der Langensalzaer Fabrikantenfamilie Weiss
Das Chorscheitelfenster, dessen farbige Verglasung aus dem Jahr 1891 von Wenzel Schwarz / R. Fischer, Dresden stammt, zeigt die „Auferstehung Christi“.
Auf dem nördlich anschließenden Fenster, von Glasmalerei Wilhelm Franke Naumburg 1897 farbig verglast, ist „Christus als Kinderfreund“ zu sehen. („Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht!„)
Am Scheitelfenster südlich anschließend ist das Fenster „Christus und die Emmausjünger“ zu sehen. Ebenfalls 1897 von Glasmalerei Wilhelm Franke Naumburg geschaffen. („Herr bleibe bei uns,denn es will Abend werden„)
Das erste südliche und nördliche Fenster sind bis auf die biblische Szene vollkommen gleich. Alle bisher beschriebenen Fensterverglasungen wurden von Victor Weiss (1830 – 1900) gestiftet.
Das zweite Südfenster, 1910 geschaffen von Glasmalerei Wilhelm Franke Naumburg und gestiftet vom Sohn des Victor Weiss, Karl Weiss, zeigt „Christus und die Familie des Lazarus“ („Selig sind, die da geistlich arm sind“). Es zeigt das Wappen der Stifterfamile sowie ein Spruchband mit ihrem Leitspruch LABOR ET VIGILANTIA („Arbeit und Wachsamkeit“).
Das dritte Südfenster, 1910 ebenfalls von Wilhelm Franke Naumburg hergestellt und von Karl Weiss gestiftet, zeigt „Christus und die Stifterfamilie“. Ein in weiter Landschaft stehender Christus predigt zu einer Menschenmenge, in der sich Mitglieder der Familie Weiss befinden, diese sind: Victor Weiss mit Frau Pauline (1840 -1892), deren Enkel Hans Joachim (1893-1910) sowie Rudolf Weiss, der Stifter des hiesigen Krankenhaus. Er trägt ein Modell seiner Stiftung. („Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren„)
Als Abschluss des Fensters ist im Maßwerk das Wappen von Langensalza zu erblicken.
Altar

Der heute schlichte Aufbau des Altars stammt aus dem Jahr 1896/1920.
Er ist der dritte bekannte Hauptaltar der Kirche nach einem barocken von Paolo Antonio Grassi und einem neogotischen, mit einem Altargemälde vom sächsischen Maler Gustav Piegler, aus dem Jahr 1896.
Das jetzige Altarbild, eine Kreuzigungsszene darstellend, wurde im 15. Jhrd., sehr wahrscheinlich um 1430, von einem unbekannten Erfurter Meister in der Tradition des Konrad von Soest, einem der Meister westfällischer Tafelmalerei erstellt.
Im Umkreis jenes Meisters wurde auch der sogenannte „Färberaltar“ (um 1420, Barfüsserkirche, Erfurt) sowie das „Einhorntriptychon“ (zwischen 1410 und 1430, Dom, Erfurt) geschaffen.
Das Altarbild der Marktkirche besitzt, wie auch die genannten Erfurter Werke, auffallende stilistische Ähnlichkeiten mit dem Wildunger Altar, welcher um 1403 geschaffen wurde.
Das Bild befand sich zunächst in der heute nicht mehr vorhandenen sog. „Hospitalskapelle“ von St. Georgi (vollendet 1274 von Günther von Salza, gestiftet von seinem Vater Hugo) in Langensalza und danach in der Vorhalle der Marktkirche, bis es schließlich im Jahr 1920 als Altarbild Verwendung fand.
Flügelaltar

Ein ursprünglich aus dem Langensalzaer Augustinerkloster stammender Altar des 16. Jhrds.
Er befindet sich unter dem Nonnenchor im nordwestlichen Seitenschiff.
Das Altarretabel zeigt die Heilige Familie mit Anna Selbdritt in der Mitte.
Ein, in der selben Werkstatt geschaffenes, Retabel mit dem gleichen Sujet befindet sich im Besitz der Stiftung Schloß Friedenstein Gotha.
Die beiden, höchstwahrscheinlich ursprünglich nicht zugehörigen, Seitenflügel stellen die Enthauptung des Johannes und die Taufe Jesu dar.
Orgel

Erstes Zeugnis einer Orgel gibt der 25.07.1535, wo der Organist in Anwesenheit Herzogs Georgs von Sachsen („Der Bärtige“) spielte.
Im Jahre 1653 wurde eine komplett neue Orgel eingebaut von Jost Schäffer aus Kirchheilingen.
Die heutige Orgel wurde zunächst 1796 von dem Orgelbauer Georg Christoph Heydenreich/Heidenreich (1732-1800) aus (Bad) Tennstedt unter inkorperierung von Teilen der Vorgängerorgel geschaffen und von der Firma Petersilie 1860/61 umgebaut.
Barocke Stil- und Schmuckelemente sind bedauerlicherweise zwischenzeitlich entfernt worden.
Ein bekannter Organist welcher in der Marktkirche spielte war Johann Christian Kittel, der letzte Schüler J.S Bachs.
Sie bedarf der dringlichen Erneuerung und Restaurierung.
Glocken

Von den ursprünglich vier Glocken sind heute noch zwei im Turm vorhanden.
Die 1564 von Eckhart Kuchen aus Erfurt gegossene Meßglocke (siehe Bild) welche die Inschrift „in nomine die patris et fili et spiritus sancti in templo Augustin“ trägt, ist mit einem Durchmesser von 1,88m eine der größten Glocken Thüringens.
Neben ihr befindet sich die noch ältere Geschoßglocke „Maria heis ich, in sant anna erleut ich, heinrich ciegler gos mich, in ior M.VC. IIII“, welche 1504 von Heinrich Ziegler gegossen wurde, welcher auch das Epitaph Martin Luthers, welches sich in Jena befindet, goss.
Nicht erhalten haben sich die, ebenfalls von E. Kuchen gegossene „Vesperglocke“ (1564) und das sogennante „Pimperglöckchen“ (1739).
Text: M. Teichmüller, 2026